Spuren aus dem Spät-Mittelalter (1250-1500)
Die Entstehung der Pfarre
Wie schon erwähnt, wurde um das Jahr 1000 nach Christus das Missionswesen durch das organisierte Seelsorgewesen abgelöst. Ohne besondere Rücksicht auf den gewachsenen Aufbau der Missionssprengel wurden große Gebiete zusammengefaßt und der Leitung eines einzigen Mannes in Pflichten und Rechten unterstellt. Das waren die Pfarrer mit ihren Pfarreien. Sie wurden "Parochianus" oder "Parochus" genannt, woraus sich die Bezeichnung "Pfarrer" entwickelte. In vielen Urkunden werden die Pfarrer auch "Plebanus" (Leutepriester) oder „Ecclesiastes" (Kirchherr) genannt, im Gegensatz zu den meist in Klöstern lebenden Missionspriestern. Bei der Betrachtung des Ursprungs der Pfarre Gurten haben wir immer das vereinigte Gebiet Gurten - Kirchheim - Wippenham ins Auge zu fassen. Die Pfarre war für damalige Verhältnisse trotzdem klein. Die geographische Lage spricht dafür, daß die Pfarre Gurten von etwa 1000 bis 1250 n. Chr. ein Teil der Groß- und Urpfarre Altheim-St. Laurenz war, zu der auch Mühlheim, Geinberg und Polling gehörten. Ab 1258 läßt sich Gurten mit den Filialen Kirchheim und Wippenham als eigene Pfarre nachweisen. Von 1250 bis 1400 waren die Siedlungen Gurten und Kirchheim, wenn es um den Sitz des Pfarrers ging, praktisch gleichberechtigt, obwohl die Pfarre Gurten hieß. Die Seelsorgerreihe beweist es, es wird aber auch mündlich überliefert, daß damals mehrere Pfarrer ihren Sitz in Kirchheim aufschlugen. Es war wahrscheinlich sowohl in Gurten als auch in Kirchheim ein Haus vorhanden, das sich als Pfarrhof eignete. In Gurten stand es bereits an der Stelle des heutigen Pfarrhofes. Bald nach 1400 trat jedoch ein Ereignis ein, das dem Ort Gurten das Übergewicht in der Pfarre gab. Zwischen 1400 und 1440, Genaues ist nicht bekannt, war ein gewisser Peter Guff, der aus Gurten selbst stammte, hier Pfarrer.
Die Familie Guff war in unserer Gegend ansässig und verzweigt, wie eine Urkunde aus 1418, das Hofwirtshaus Aurolzmünster betreffend, angibt. Pfarrer Guff von Gurten hatte einen Bruder, der das „Edt-Gütel" jenseits des Gurtenbaches besaß. Da er kinderlos war, gedachte er die Interessen seines Bruders und die des Ortes zu fördern und vermachte das Edt-Gütel in einer Stiftung der Pfarrpfründe Gurten. Damit hat Guff erreicht, daß Gurten der Hauptsitz der Seelsorge wurde und es in den folgenden Jahrhunderten auch blieb. 1786 wurde durch die Pfarregulierung Kaiser Josephs II. Kirchheim von der Pfarre Gurten abgetrennt und eine eigene Pfarre. Joseph II. vertrat die Ansicht, niemand solle weiter als eine Gehstunde zu seinem Gotteshaus haben. Nachdem Wippenham 1884 eine eigene Gemeinde geworden war, strebte es auch die Errichtung einer eigenen Pfarrei an, die 1896 Wirklichkeit wurde. Im alten Grundbuch des Pfarrhofes Gurten, das im oberösterreichischen Landesarchiv verwahrt wird, ist das Edt-Gütel noch verzeichnet. Es dürfte in der Bahnhofgegend gestanden sein.
Gurten war eine sogenannte „Wechselpfarre". Als am 9. Jänner 1615 der Pfarrer Nikolaus Simon hier installiert wurde, kam seine Ernennung von der bayrischen Regierung, d. h. vom Herzog. In dem Dekret wurde festgestellt, daß das Recht der Besetzung der Pfarre bei einer Erledigung (Tod des Pfarrers oder Amtsverzicht) in den ungeraden Monaten (Jänner, März, . . .) dem Herzog von Bayern, bei einer Erledigung im geraden Monat (Februar, April, . . .) aber dem Bischof von Passau zusteht.
Edelsitze in Gurten und Freiling
Größere Altpfarren hatten gewöhnlich einen oder mehrere Edelsitze, zumal im frühen Mittelalter, als noch viele Freie auf ihren Gütern saßen. Diese Freien waren der älteste Adel im deutschen Volk. Ihre Grundherrschaft war aber meistens klein und umfaßte nur den eigenen Hof. Mit den Ungarneinfällen kam die berittene Heerfolge, der Ritterdienst, aber auch der Ministerial- oder Dienstadel in Aufschwung. Für erwiesenen Kriegsdienst oder auch für den Dienst am Hof und den königlichen Pfalzen gaben die Landesherren bedeutende Lehen. Mit diesem Lehensadel sowie dem Dienstadel konnten die kleinen Freihöfler nicht konkurrieren. In den damals sehr unsicheren Zeiten mußte der kleinere Grundherr den Schutz des größeren suchen. Durch eine Abgabe für diesen Schutz geriet zuerst das Gut und schließlich die Person in Abhängigkeit. Der Dienstadel entwickelte sich aus dem Hofgesinde des Königs bzw. des Kaisers an seinen großen Residenzen, die über das ganze Reich verstreut waren. Sie wurden "Pfalzen" genannt. Wenn der König hier seinen Aufenthalt nahm, wie z. B. in der Pfalz "Mataghof" (Mattighofen) oder Altötting, hatten die in der Umgebung begüterten Dienstadeligen dem Herrscher Hofdienst zu leisten. Diesem Dienstadels-oder Ministerialenstand gehörten die meisten Rittergeschlechter in unserer Heimat an. Sie erhielten vom Landesherrn Güter zu Lehen ("Leihe" auf Lebenszeit). Nach ihrem Tod mußte der neue Besitzer wieder um die "Belehnung" ansuchen.

Viele ursprünglich vollfreie Bauern konnten sich aber nicht zum Ritterstand erheben und sanken nach und nach zu Hörigen (Unfreien) ab. Die Folge dieser Entwicklung war, daß der bisher freie Bauer mit den auf den Gütern der Großgrundbesitzer schon seit langem lebenden grundherrlichen Unfreien (Holden) zu einer gemeinsamen Gruppe grunduntertäniger Bauern verschmolz. Der Grundherr übernahm ihren Schutz, aber auch ihre staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, darunter besonders die Kriegsdienstleistung. Von 1100 bis ins 14. Jahrhundert wurden die Grundherren, die bisher selbst noch auf ihrem Besitz mitgearbeitet hatten, immer mehr zu kriegslustigen Rittern, ja zu Raubrittern, die ihre Untertanen oft hart bedrückten. Die Dorfgeschichte "Meier Helm-brecht", die der Ranshofener Chorherr Wernher der Gartenre um 1200 niederschrieb, zeigt in erschütternder Weise das verpfuschte Leben eines freien Bauernsohnes, der zum Raubritter wurde. Die unsicheren Zeitverhältnisse ließen die gewiß notwendige "Bevogtung" (Schutzherrschaft eines Ritters oder Adeligen) zunehmend drückender werden. Viele Edelsitze verschwanden wieder, und benachbarte Edelsitze kauften solche Güter als Spekulationsobjekte, bis sie dann selbst von wiederum Stärkeren "niedergelegt" wurden. Es ist hier nicht möglich, die genauen Verhältnisse und Rechtsvorgänge im Detail anzuführen, die mit wirklichem Recht oft blutwenig zu tun hatten, sondern lediglich das Recht des Stärkeren darstellten. Viele Quellen gingen zugrunde, sowohl durch den Brand des Schloßarchives Katzenberg in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als auch durch mehrmalige Pfarrhofbrände in Gurten. Wer einen geistlichen Grundherrn hatte, konnte mit einem milderen Joch rechnen, woran heute noch das Sprichwort "Unterm Krummstab ist gut wohnen" erinnert. Allerdings mußten sich auch die geistlichen Grundherrschaften eines Vogtes bedienen, um ihren Grunduntertanen weltlichen Schutz gewähren zu können. Zu diesen geistlichen Grundherrschaften, in diesem Falle zum Domkapitel Passau, gehörten die sogenannten "Stephanischen Aigen".

"STEPHANISCHE" AIGEN
In der Herrschaft Obernberg, die dem Bischof von Passau untertan war, wurden außer den Hofmarken Schalchham, Mörschwang und Neuratting auch 51 Freihöfler oder "Stephanische Aigen" durch einen eigenen Wirtschaftspropst und später durch den Pfleger verwaltet. Diese waren ursprünglich freie, keinem Grundherrn zugetane Bauern, haben sich aber an die Domkirche St. Stephan oder an das Hochstift Passau des Schutzes wegen begeben.
In der Pfarre Gurten waren "Stephanische Aigen" Sebastian Rachbauer zu Prunn (Brunnbauer zu Oberndorf), der Bögl zu Oberndorf, der Stefan zu Untermoos, Hanns Thann am Kundersberg und andere acht Viertelhöfe daselbst. Dieselben mußten Stiftpfennig leisten: Eier, Käse und Hühner. Zur "stephanischen" Hofmark Neuratting gehörige Güter waren: Die Hofmark Neuratting selbst, dann das Stummer- oder Kaisergut zu Gurten, worauf der Amtmann seßhaft war, ferner das Aignergut, die Forsthubersölde, die Trauswaldsölde und sechs Häusler.
Die Herren von Gurten
Im alten Pfarrgebiet Gurten gab es folgende Edelsitze: Gurten, Kirchheim und Ramerding, Neuratting, Wippenham, Freiling und schließlich Katzenberg als Rechtsnachfolger der Herrschaft Gurten.
Uns interessieren vor allem die Edelsitze Gurten und Freiling. Leider ist über deren Lage und Gestalt nichts bekannt. Ob hier ein schloßartiges Gebäude oder ein Gutshof stand, läßt sich heute nicht mehr nachweisen. Jedoch scheint eine Reihe von Inhabern in verschiedenen Urkunden und Regesten auf. Wie die einzelnen Geschlechter "derer von Gurten" zueinander verwandt waren, ist nicht mehr zu eruieren. Aus der Häufung der Namen der Herren von Gurten kann man jedoch schließen, daß es sich um eine weitverzweigte Familie gehandelt hat. Die Gurtner waren aber nicht nur in der Hofmark Gurten, sondern auch auf dem Gurtenhof bei Obernberg ansässig und waren ein Dienstadelsgeschlecht. Als 1084 das Kloster Reichersberg gegründet wurde, war ein Arnold von Gurten als Zeuge zugegen und hat die Gründungsurkunde mitunterfertigt. Der Gurtenhof bei Obernberg muß damals sehr groß gewesen sein. Er wurde in drei Höfe aufgeteilt, die heute noch bestehen, den Moritzhof, den Jörghof und den Gstöttenhof. Jeder dieser Höfe hatte über 130 Joch Grundausmaß, da sie "Ganze Höfe" waren. Ein solcher hatte 60 Joch Äcker und mehr als 60 Joch Wiesen, Weiden und Wälder. Ein "Ganzer Hof" oder "Vollehen" war der Raum für Wohnstätte, Stall, Garten, Acker, Wiese, Weide und Wald, auf dem eine Großfamilie ihre Lebensbedürfnisse erarbeiten konnte. Das Grundausmaß wurde damals nur von den Äckern angegeben. Ein halber Hof hieß "Hube" und hatte ein Grundausmaß von 30 Joch Acker und daher ein Gesamtausmaß von 60 bis 70 Joch. Die Namen Huber, Hubauer, Hübl, Hiebl stammen daher. Der Viertelhof hieß auch "Leben". Dieses hatte nur 15 Joch Äcker und etwa ebensoviel Wiesen und Wälder. Namen wie "Lehner" und "Lechner" leiten sich von "Lehen" her.
Urkunden und Regesten aus dem Mittelalter
In den Übergabsbüchern der Stifte Ranshofen und Reichersberg scheinen im 12. Jahrhundert eine Reihe von freien Besitzern aus Gurten auf, wie Chunegundis de Gurde und ihr Gemahl Meginhard.
1130 Die edelfreie Chunigunt de Gurte vergabt sich mit ihrer ganzen Nachkommenschaft zu einem Zinse von 5 Denaren jährlich an das St.-Pankratius-Kloster zu Ranshofen. Quelle: Oberösterreichisches Urkundenbuch I 221/LIV
1140 Ernestues de Gurten vergabt seinen Holden Reimbertus nach Ranshofen zu einem Jahreszinse von 5 Denaren als Familienstiftung mit Zustimmung seiner Söhne. Quelle: 0Ö. UB. I 223
1150 vergabt Wernhardus de Gurten zum Altar des hl. Michael in Reichersberg das Landgut seines Bruders Hecil nahe bei Gurten in Freiling gelegen für das Seelenheil seines genannten verstorbenen Bruders zu einem Zins von 5 Denaren. Unter vielen Zeugen werden genannt Udalscalc und Rachwin von Gurten. Quelle: OÖ. UB. I 297
1160 werden der Freie Wernhardus und sein Vetter Udalscalc, ferner die Söhne seiner Schwester Pertha von Gurten, Ainwik und Wernhard von Friheim erwähnt. Quelle: OÖ. UB. I 317
Außerdem kommen als Zeugen für Reichersberg vor: Hadepreth von Gurten um 1150, Meginhard von Gurten und sein gleichnamiger Sohn (1150), Erchenbert, Regel und Reginbert von Gurten.
1160 Die edle Adelheid, die Gattin Rappotos von Gurten, vergabt ihre Hörige namens Heilica zu 5 Denaren Jahreszinse nach Reichersberg. Zeugen sind Rachwin von Tobel und der Gemahl der Adelheid, namens Rappoto von Gurten. Quelle: OÖ. UB. I 329
1179 tritt ein Wilhelm von Wageneperge als Zeuge bei einem Vertrag zwischen Chunrat, Erzbischof von Salzburg, und dem Stift Reichersberg auf. Quelle: 0Ö. UB. I 361 f
1219 Papst Honorius III bestätigte dem Stift Reichersberg den Besitz mehrerer Güter in Gurten (. . . aliis predijs in Gurtin . . .), welche das Stift bereits 1137 von Erzbischof Konrad III von Salzburg erhalten hatte. Quelle: OÖ. UB. II 600 f
1250 Diemud(is), mit dem Beinamen "Troestinne", vergabt für die Aufnahme ihres Neffen in das Kloster Reichersberg ihr Gut in Frilinge (Freiling). Quelle: OÖ. UB. I 412
In Gurten bestand schon jahrhundertelang ein bischöflich-passauischer Meierhof. Der Passauer Domherr Otto von Lohnsdorff legte nun im 13. Jahrhundert ein Verzeichnis der Passauer Güter und der daraus erfließenden Einnahmen an, den sogenannten „Codex Lohnsdorfianus". Dadurch erwarb er sich, freilich ohne es zu wollen, unvergängliche Verdienste um die Topographie (Beschreibung des Landes) unserer Heimat im Mittelalter. 1254 wurde er Bischof von Passau.
Aus der Pfarre. Gurten scheinen in seinem Verzeichnis folgende Passauische Lehen auf:
Uzinthal (Itzenthal) - ein ganzer Hof und ein Lehen
Vriling (Freiling) - vier Lehen Unterfreiling - vier Lehen
Prunn - ganze Ortschaft (Brunnbauer)
Raetinperge (Rothenberg) - ein Lehen
Moos (Mittermoos oder Anderlmosergut) - ein ganzer Hof
Die Kirche zu Wippenham mit all ihrer Zugehör und dem Walde Pueche
Nivraetinge (Neuratting) - ganze Ortschaft
Murring (Mairing) und Hepping
Gerhohsdorf (Geretsdorf) - ein ganzer Hof am südlichen Ausläufer des Rothenberges
Paumgartten (pomerium) - Baumgarten - ein halber Hof
Sigenbarting (Sieberting) - vier Güter
Reisspach (Reiset) - ein Gut
Den bischöflichen Meierhof in Gurten beschreibt Otto von Lohnsdorff so: „Zum Meierhof Gurten gehören eine Hube und zwanzig weniger zwei Morgen (Land). Der Stadler (Verwalter) bebaut für sich eine Hube, für die Besorgung des Meierhofes und für die Einsammlung des Zehents gibt er vier gemästete Schweine, zwei vom Zehent und zwei von seinem Sitz, ferner ein und ein halbes Pfund Leinen. Der eine Hausmann, der mit dem Stadler arbeitet am Meierhof, ackert daselbst fünf Tage, gibt eine halbe Fuhr Bier und ein Schaf mit jungem Lamm, zwei junge Schweine, wenn er kein Mutterschwein hat; wenn er aber hat, vier junge Schweine. Er arbeitet zwei Wochen im Mai und zwei im Herbste" (für den Gutshof). Quelle: 0Ö. UB. I 361 f und folgende.
Ortschaften, in denen sich "Meier", "Kastner" oder "Stadler" befanden, waren Edelsitze. Die Namen "Meier, Kastner, Stadler" leiteten sich von der Tätigkeit als Verwalter des Zehents ihrer Grundherrschaft her. Kastner deshalb, weil diese den Zehent vom Getreide in Getreidekasten sammelten, ebenso wie die Stadler in die grundherrlichen Stadeln den Zehent an Heu, Klee, Stroh, Rüben und Flachs einzulagern hatten. In Gurten wurde der Zehent beim "Moriz" in Wagnerberg, beim "Stummer- oder Kaisergut" in Dorf und natürlich beim bischöflichen Meierhof und beim Pfarrhof eingehoben.
STIFTUNGEN AN REICHERSBERG
Die Herren von Gurten müssen reich begütert gewesen sein, denn innerhalb von 10 Jahren widmeten sie vier Güter dem Kloster Reichersberg. Folcrat von Gurten und Pertha de Gurth übergaben je einen Hof dem Kloster, dann Hezil von Gurten einen Hof bei Freiling, und als vierter Wernhard de Gurten sein Gut in Beneventenreuth (das heutige Lambrechten).
Gegen 1300 verschwinden die Herren von Gurten wieder aus dem Licht der Geschichte. Sie wurden vermutlich - wie viele Geschlechter des niederen Dienstadels - wieder zu Bauern. Sie leben in den weitverzweigten Linien des Familiennamens "Gurtner" weiter. Anton Gurtner, Schuldirektor i. R. in Wels, hat im Jahr 1957 den Stammbaum der "Gurtner" nach Urkunden bis 1550 zurück aufgestellt. Diese Ahnentafel der „Gurtner" ist über acht Meter breit und enthält ungefähr 1000 Namen.
Raubrittertum
Von 1200 bis 1300 waren wie überall so auch im Innviertel sehr unsichere Zeiten. Im römischen Reich deutscher Nation herrschte ebenso wie im damals babenbergischen Österreich um die Mitte des Jahrhunderts das Interregnum, die "kaiserlose, die schreckliche Zeit". In ihr galt das Faustrecht, sprich das Recht des Stärkeren, also Willkür und Gewalt. Erst mit der Kaiserwahl Rudolf von Habsburgs 1273 wurde sie beendet. 1192 war Luitpold V. von Österreich mit großem Heer gegen die Grafen von Ortenburg bei Passau angerückt und hatte das Innviertel verwüstet. Im eigenen Land aber waren die zu Raubrittern gewordenen Vögte und Grundherren die ärgsten Bedrücker der Bauern. Ganz arg trieben es die Herren von Stein bei Reichersberg, die ihr wüstes Raubrittertum auch dann noch nicht einstellten, als ihre Burg ausgebrannt wurde. Heinrich von Baumgarten raubte ganz Münsteuer aus, vertrieb die Bauern und Geistlichen und brandschatzte das Kloster von Reichersberg dreimal zur Nachtzeit. Hans von Messenbeck zu Ort läßt durch seine Knechte in den Bauernwäldern Holz schlagen, baut auf Gründen des Klosters Reichersberg seine Scheunen, treibt sein Vieh auf fremde Wiesen, und wer es wagt, ihm sein Unrecht vorzuhalten, bekommt die Peitsche zu kosten. Nicht viel anders treiben es die "Schwenter" auf St. Martin, die "Tannberger" auf Aurolzmünster, die "Mautner" auf Katzenberg oder die "Ortenburger" auf der Veste Graben bei Kirchdorf. Wohl ließ Bischof Wolfker von Passau die Veste Obernberg (Schloß) zum Schutz der Passauischen Güter im Gurtental erbauen, doch die Burgvögte erwiesen sich mehr als Bedrücker denn als Beschützer der Bauern. Die Geschichte unserer Heimat ist in jener Zeit eine einzige Kette von Fehden der Adelsgeschlechter, die Überfälle, Brandschatzungen, Raub und alle möglichen Gewalttaten nach sich zog. Die Grundherren befehdeten sich untereinander, die Zeche mußte aber der kleine Mann bezahlen, denn er wurde ja vom jeweils feindlichen Grundherrn bzw. Ritter ausgeplündert. Das flache Land bot keine Sicherheit und die Anlage befestigter Orte, wie Obernberg oder Ried, wurde zur Notwendigkeit. Wer konnte, siedelte hinein, wie auch manche Pfarren ihren Sitz in Städte und Märkte verlegten, weil sie hier mehr Schutz genossen. Wenn wir auch von Gurten keine urkundlichen Angaben besitzen, so können wir ruhig annehmen, daß auch unser Heimatort, an der Straße nach Obernberg gelegen, seinen Teil von den Raubrittern abbekam. Wieder mußten sich viele Freie unter den Schutz eines Mächtigeren begeben, daher kamen zahlreiche Schenkungen an Kirchen und Klöster aus dem Beweggrund heraus zustande, weil sich die Schutzsuchenden von geistlichen Grundherrschaften zurecht ein gerechtes und milderes Los der Untertänigkeit erhofften. So dürften auch von einigen Familienmitgliedern der Herren von Gurten durch Vergabung und Aufnahme in den Holdenstand deren Güter zu Reichersberg gekommen sein.
Die vorhin angeführten Urkunden erhellen ja nur blitzlichtartig einen kleinen Teilbereich der damaligen Verhältnisse. Den weitaus größeren Teil der Lebensumstände kennen wir nicht.
Im 14. Jahrhundert begegnet uns als Herren in Gurten das Geschlecht der "Freyer". Die "Freyer" waren eine weitverzweigte adelige Familie, die - wie der Name sagt - vom freien Stand in den Ritterstand aufgestiegen und im mittleren und oberen Innviertel begütert war.
1366 kaufte Heinrich der Freyer vom Stift Reichersberg für sich und seine Hausfrau Gertraud von Propst Dietmar die Höfe zu Gurten, zu Leibgeding um 70 Pfund Pfennig und einen jährlichen Dienst von einem halben Denar. Quelle: Original in Reichersberg
In Freiling scheint ein mit den Gurtner Herren verwandtes Geschlecht ansässig gewesen zu sein.
1398 den 25. Mai stifteten Hans Engelprecht, Chorherr von Mattsee, und sein Bruder Symon Engelprecht ihre Mühle zu Freiling samt Mühllehen, welches sie von Ulrich Fürichhünd gekauft haben und welches rechtes stephanisches Eigen ist, den Chorherren von Mattsee zu einer Vesper. Siegler: Hans Pankritz, Propst (der stephanischen Eigen) zu Obernperig, Hainrich Wökchinger, Burghüter zu Obernperig; Quelle: Erben, "Mattsee", Seite 179
Als Mattseer Besitz scheint Freiling weiter ab 1400 auf. Einige freie Bauern gab es in Sachsenpuech (1150, 1180), in Ranzing (1156), in Wagnerberg (1179), in Guntersberg (1110) und in Sieberting (1150).
1395 den 12. August bestätigt Ulreich von Daring dem Domdechant und dem Kapitel der Chorherren zu Passau den Ankauf des Gutes "ze Daring gelegen in Pollinger Pfarr ze eribrecht" (Erbrecht), wofür er jährlich reichen und dienen soll 48 Vierling "habern Prawnawer mazz" (Hafer in Braunauer Maß) und ein halbes Pfund Wiener Pfennig als Stift und vier Hühner, zwei als Stift und zwei als Dienst und einen "vollen wider" (gemästeten Widder) und "gen Ried fünf chubel habern Rieder mazz" (nach Ried fünf Kübel Hafer Rieder Maß) zu Vogtrecht und 30 Wiener Pfennig und zwei Hühner.
Siegel: der erbern 1) Jakoben des Grueber und 2) Sighartz des Wyeland, paider purger ze Passau. An sand Pöltenabend. Quelle: OÖ. UB. XI, S. 431, Nr. 475
Im 15. Jahrhundert sitzen die "Thalheimer" in Gurten. Mit den "Thalheimern", die seit 1269 die Veste Katzenberg (befestigtes Schloß) besaßen, beginnt die Verbindung der Hofmark Gurten mit der Grundherrschaft Katzenberg, die bis zur Auflösung der Grundherrschaften 1848 andauerte.
1407 löst Propst Greif von Reichersberg von den Thalheimern zu Gurten einen Lehensbrief auf den "Pachhof" in Linz ein. Quelle: Haberl, Schloßarchiv Katzenberg, 1929
1427 verkauft Valtein Thalheimer (er nennt sich "zu Hopfgarten") ein Gut in der Pfarre Utzenaich. Quelle: Haberl, wie oben
1431 besiegelt der "ehrbare, weise Georg der ältere Thalheimer zu Gurten" einen Waldverkauf am "Puech", Pfarre Utzenaich, den Kaspar Ahaimer auf Schloß Neuhaus tätigte. Quelle: Wirmsberger, "Tannberger", S. 106 bis 108
Ob die Thalheimer auf Katzenberg durch Heirat, Kauf oder Erbschaft in den Besitz der Hofmark Gurten kamen, wissen wir nicht. Mehrfach bekannt ist aus Urkunden jedoch, daß die Thalheimer im 15. Jahrhundert sowohl auf Katzenberg als auch auf Gurten sitzen. Somit ist es wahrscheinlich, daß die Hofmark Gurten schon 1450 unter der Vogtei Katzenberg stand. Interessant ist die Namensbezeichnung "Valtein Thalheimer zu Hopfgarten". Mit Schloß Katzenberg war seit jeher die Bräuergerechtigkeit (Braurecht) verbunden, während in Gurten Hinweise auf eine Brauerei völlig fehlen. Daher ist es naheliegend, daß in Gurten ein "Hopfgarten", also Hopfenanbau betrieben wurde. Die Hopfenernte verarbeiteten die Thalheimer in ihrer Katzenberger Brauerei.