Spuren aus dem Hoch-Mittelalter (900-1250)
Hufeisenfund in Gurten im Jahre 1886
Als im Jahre 1886 der damalige Dietl-Wirt, Besitzer des Gasthauses in Gurten Nr. 16, einen rechts von der damaligen Kirchenstiege befindlichen Erdhügel abgraben ließ, wurde hiebei in ca. 1 m Tiefe eine große Menge auffallend kleiner Hufeisen gefunden. Sie waren nicht nur kleiner, sondern auch anders geformt als Hufeisen, wie sie bei uns in Gebrauch standen. Man nahm daher an, daß an dieser Stelle im frühen Mittelalter eine Feldschmiede bestanden habe, die vielleicht von durchziehenden Reitervölkern errichtet und benützt worden sein könnte. Dabei könnte es sich sowohl um die Awaren gehandelt haben, die Karl der Große um 800 abzuwehren hatte, als auch um die Magyaren, die zwischen 900 und 955 n. Chr. sehr wohl durch unsere Gegend gezogen sein könnten, da sie ja 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld besiegt wurden und sich dann in der ungarischen Tiefebene niederließen. Leider ist kein solches Hufeisen aufbewahrt worden. Nach dem Bericht der Gemeindechronik überließ man sie den Kindern, die sie zum "Plattenwerfen" verwendeten. So verschwanden die Hufeisen im Lauf der Jahre wiederum völlig.
mittelalterliche Hufeisen, Spinnwirtel, Nagel- und Messerreste sowie ein kleines Bronzeringlein.
Ortschaftsnamen im Umkreis von Gurten
In der Ansiedlung Curtina müssen um das Jahr 800 schon vermögende Adelige oder Freie ansässig gewesen sein, weil sonst Schenkungen in diesem Umfang nicht hätten gemacht werden können. Erst um das Jahr 1000 wurde im Bistum Passau nach italienischem Vorbild das systematische Pfarrwesen mit genauen Sprengeln und Pfarrsitzen eingeführt. Dadurch wurde eine Neuordnung gang und gäbe, die im Gegensatz zur gewachsenen Struktur stand. Mehrere Missionszellen wurden zu einer Pfarrei zusammengefaßt, ein Hauptsitz des Pfarrers bestimmt und die Nebenorte durch exponierte oder excurrierende Geistliche betreut.
Die Missionskirche Gurten kam mit ihren beiden Filialen Kirchheim und Wippenham zu Altheim und löste sich als eigene Pfarre erst im 13. Jahrhundert wieder aus dem Verband der Großpfarre Altheim, wie wir später noch sehen werden. Und bis heute gehört Gurten zum Dekanat Altheim, obwohl es sonst ganz nach Ried hin ausgerichtet ist.
Wenn wir den Besiedlungsvorgang im Bereich Gurten-Kirchheim-Wippenham zusammenfassend betrachten, so ist zu sagen, daß Besiedlung und Missionierung in enger Wechselwirkung zueinander stehen. Je mehr die Bevölkerung anwuchs, umso eher mußte eine bestehende Kirche vergrößert und umgebaut werden, oder es machte die Erschließung neuer Siedlungsgebiete neue Seelsorgestationen notwendig. Zeitlich erstreckte sich der Besiedlungsvorgang vom 7. Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert. Die oberste Bestrebung der Siedler war es, eine Heimat zu finden. Deren Ausgestaltung konnte jedoch sehr verschieden sein.
Die erste bajuwarische Besiedlung läßt sich anhand der ältesten und echten "-ing"-Namen nachweisen.
Freiling - Vrilinge - Vreilingen 1130 erwähnt
Ranzing (von Ranzo) 1150 erwähnt
Rameding - Ramating - Rumolting (von Rumolt) 1448 erwähnt
Neuratting - Niurating (von Niurat) 1250 erwähnt
Sieberting - Sibharting (von Sibhart) 1470 erwähnt
Ellreching (von Alarich) 1130 erwähnt
Daring - Därring (von Daro) 1300 erwähnt
Mairing - Murringe (von Murro) 1320 erwähnt
Mit der Zeit um 900 ereigneten sich die kriegerischen Einfälle eines dritten asiatischen Reitervolkes, der Magyaren oder Ungarn. Sie dauerten, unterbrochen von ruhigen Jahren bis 955, als sie von Otto dem Großen besiegt und in die ungarische Tiefebene zurückgedrängt wurden und sich dort ansiedelten. Sie brausten auf ihren schnellen Pferden mehrmals durch Österreich, und viele Siedlungen wurden durch sie vernichtet, manche davon für immer. So mußte ab 960 zur Nachkolonisation geschritten werden. Diese förderten besonders die Kirchen auf ihren Grundherrschaften, aber auch weltliche Grundherren überließen den entvölkerten Boden nicht der Verwilderung. So wanderten jetzt auch viele Südslawen, die von der Magyarengefahr weitgehend verschont geblieben waren, aus der Steiermark in Oberösterreich ein. Slawisch sind die Ortsnamen:
Laun bei Imolkam in der Gemeinde Polling Winten in der Gemeinde Geinberg
St. Ulrich bei Altheim, aber auch Kirchen, die dem hl. Vitus geweiht sind, wie St. Veit i. I., deuten auf slawische Einwanderer.

Deutsche Nachkolonisierung und natürliche Volksvermehrung haben seit 960 viele Neusiedlungen geschaffen, an deren Namen ebenfalls gewisse Regelmäßigkeiten zu erkennen sind. Sie sind zusammengesetzt aus einem Personennamen und den Nachsilben auf "-kirchen", "-hausen", "-zell", "-hofen", "-leiten", "-berg", "-bach", "-aich", "-au", "-furt" u. a. m.

Im Gebiet der ehemaligen Pfarre Gurten sind hier zu nennen:
Im 8. und 9. Jahrhundert finden wir Ortsbezeichnungen auf "-ham" oder "-heim". Diese sollen angeblich auf fränkische Nachsiedler hinweisen.
Kirchheim - Chirichheim 1140 erwähnt
Ampfenham - Ampfenhaim (von Ampho) 1140 erwähnt
Rödham (von "röd" = Rodung) 1140 erwähnt
Wippenham - Wippenheim (von Wippo) 1250 erwähnt
Am jüngsten sind durchwegs die Rodungsnamen unter unseren Ortschaftsnamen, da vorerst die bereits waldfreien Gegenden besiedelt wurden. Ein Rodungsname kann zur Lage des Rodungsgrundstückes, zum Baumbestand, zum fertigen Ergebnis der Rodung oder auch zum Rodungsvorgang selbst in Beziehung stehen.
Oberndorf 1190 erwähnt
Dorf 1470 erwähnt
Itzental - Ucintal 1200 erwähnt
Schmalzberg im 17. Jh. erwähnt
Schmiedhof - Smidhof 1376 erwähnt
Wagnerberg - Wagenperg 1179 erwähnt
Federnberg - Varnperg 1470 erwähnt
Kraxenberg - Gedrauczperg (von Gertrud) 1450 erwähnt
Geretsdorf - Gerharczdorf (von Gerhart) 1404 erwähnt
Gundersberg - Guntramsperg (von Guntram) 1110 erwähnt
Im wesentlichen war also die Besiedlung Gurtens im 15. Jahrhundert abgeschlossen. Es kamen fallweise noch Spätrodungen hinzu, unter denen das Bahnhofviertel Gurtens anzuführen wäre.
Nach der Lage:
Außerguggenberg - Gukperg 1470 erwähnt
Bruck 1470 erwähnt
Weinberg 1253 erwähnt
Holzerding - Holzleithing
Nach dem Bestand:
Baumgarten (von pomerium) 1254 erwähnt
Edt - Öd 1333 erwähnt
Reiset - Reisach - Reispach 1253 erwähnt
Buch - Puech 1140 erwähnt
Schacher - Schachen 1278 erwähnt
1150 vergabte Wernhardus de Gurten zum Altar des hl. Michael in Reichersberg das Landgut seines verstorbenen Bruders Hecil, das in Feiling gelegen war, zu dessen Seelenheil. (Stiftsarchiv Reichersberg)