Gurten in der Franzosenzeit (1800-1816)
PAPIERGELD KOMMT AUF
Seit dem "Österreichischen Erbfolgekrieg" 1740 bis 1745 waren in unserer Heimat wieder Friedenszeiten eingekehrt. Anders wurde es allerdings wieder um 1800, als der Franzosenkaiser Napoleon ganz Europa militärisch bedrohte und große Teile davon auch eroberte. Die Feldzüge Napoleons brachten wiederholt Truppendurchzüge aus dem Raum Braunau und Schärding über Ried in die Linzer Gegend. Bei Überlastung der Reichsstraße zwischen Altheim und Ried, oder wenn die am Hauptwege liegenden Orte die Truppenmassen nicht mehr versorgen konnten, wichen die Franzosen durch das Gurtental aus. Ebenso wenn Winterquartiere gebraucht wurden, verteilten sich die großen Massen der Soldaten auch in abgelegene Orte. Das brachte hohe Kriegssteuern und die gefürchteten Einquartierungslasten mit sich, was zwar nicht bedeutete, daß die französischen und bayerischen Soldaten wie Landsknechthorden des 30jährigen Krieges über unsere Landsleute herfielen. Dennoch brauchten sie Quartier in Häusern und Scheunen, wo sich Mannschaft und Pferde an den Vorräten unserer Bauern, an Speisen, Trank und Viehfutter, gütlich taten.
In Gurten fanden Truppendurchzüge in den Jahren 1800, 1805 und 1809 statt, die unsere Vorfahren vielfach drangsalierten. Besonders 1809 blieben die Franzosen mehrere Monate hier und schlugen auf den Feldern des Brunnbauerngutes in Oberndorf ihr Lager auf. Die Bewohner des Hofes hatten arg darunter zu leiden, was sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen führte. Die Franzosen holten die Pferde des Brunnbauern aus dem Stall, stellten ihre eigenen Pferde ein und richteten während des Lagers einen regelrechten Reitschulbetrieb zur Ausbildung ihrer Soldaten ein. In ihrem Übermut rissen sie die Plankenbretter vom Stadel ab und verheizten sie beim Lagerfeuer. Einmal machten sie es nachts auch so, doch wurde plötzlich Alarm geblasen. In der Eile des Aufbruches ließen sie die brennenden Kienspäne einfach in den Stadelspalten stecken, sodaß die Scheune fast in Flammen aufgegangen wäre. Ein feindlicher Soldat hatte aber doch soviel Einsicht, daß er beim Weggehen dem Bauern noch zurief: "Bauer, da brennt!" Der damalige Brunnbauer, Johann Mayrleithner, der aus Vorsicht seine Schafe auf das Hoißengut gebracht hatte, trug eines Tages ein Schaf zwecks Schlachtung nach Hause. Als er in der Abenddämmerung den Bach überschritt, begegneten ihm zwei Franzosen, die ihm das Lamm von der Schulter rissen, es auf der Stelle abschlachteten und ihn davonjagten. Im Hof des Brunnbauern fingen die Soldaten einen Hahn, dem sie alle Federn bis auf den Schweif ausrupften und ihn dann im Hof herumjagten. Der Hahn machte in seinem jämmerlichen Zustand großes Geschrei und wußte vor Angst nicht, wohin er laufen sollte.
Diese Tierquälerei erregte bei den Franzosen große Heiterkeit, bei den Bauersleuten hingegen Unwillen und Zorn. Endlich erschlugen und brieten sie das arme Tier. Beim benachbarten Hoißengut nahmen die Franzosen zwei Pferde mit.
Beim Müller in Freiling verlangten die Soldaten Geld mit den Worten: "Kron, Kron!" Sie meinten damit Kronentaler. Der Müller stellte sich, als verstünde er die Soldaten nicht, zeigte auf das Feld hinaus und sagte: "Da draußen sind Kron!" (Krähen). Die Soldaten erkannten aber, daß sie genarrt wurden und bedrohten den Müller mit dem Tod. Er konnte sich aber durch schleunigste Flucht retten.
Fast alle Bauern von Gurten wurden zu Vorspannleistungen herangezogen und blieben dabei acht Tage und länger aus. Viele von ihnen kehrten ohne Roß und Wagen wieder heim. Manchen wurde das Fuhrwerk von den Franzosen abgenommen, manche verließen es auch heimlich, um den öfter vorkommenden Mißhandlungen seitens der Franzosen zu entgehen.
Kein Mensch hat die Epoche von 1799 bis 1815 so geprägt wie Napoleon Bonaparte (1769 - 1821)
Kanone aus der Franzosenzeit
Mit Franzosenzeit wird die Epoche der französischen Besetzung und Annexion deutscher und österreichischer Gebiete während der Napoleonischen Kriege bezeichnet.
Bei Ausbruch des ersten französischen Krieges war die Finanzlage des österreichischen Staates günstig. Man konnte die Kriegskosten durch Steuern, freiwillige Kriegsspenden und durch erstmalige Ausgabe von Papiergeld, den sogenannten "BancoZetteln", decken. Bald aber zeigte sich der Unterschied zwischen Papier- und Edelmetallgeld, und die "Banco-Zettel" verloren immer mehr an Wert. Als 1809 die wiederholten Rüstungen zu einer vermehrten Ausgabe von Papiergeld führten, war im Verein mit der Niederlage Österreichs der Staatsbankrott nicht mehr aufzuhalten. 1811 mußten die "Banco-Zetteln" auf ein Fünftel ihres ursprünglichen Wertes abgewertet werden. Der Draufzahler war das Volk. Wer Besitz oder Vieh vor der Abwertung verkaufte oder verkaufen mußte, besaß plötzlich nur ein Fünftel des wahren Wertes. Vier Fünftel hatte er der Kriegsführung geopfert.
Eine Folge der Franzosenkriege war auch die Aufhebung des geistlichen Fürstentums Passau. Das ehemalige passauische Pfleggericht zu Obernberg wurde ein k.k. Land- und Pfleggericht und erhielt im wesentlichen den heute noch gültigen Gerichtssprengel. Gurten wurde mit Geinberg, Kirchdorf und Mühlheim aus dem Landgericht Mauerkirchen ausgegliedert und Obernberg einverleibt. Mit dem Hochstift Passau wurde auch das Domkapitel säkularisiert, das heißt seiner Güter beraubt. In Österreich liegende ehemalige Besitzungen des Kapitels zog das Aerar (österreichische Finanzverwaltung) ein und genoß bis 1848 auch deren Abgaben.
50 Gulden Banco-Zettel, 1806
BEFEHLE DER FRANZOSEN
Die Franzosen hatten in Ried eine Verwaltungszentrale, die sogenannte Kreishauptmannschaft, eingerichtet, der ein gewisser Bernberg als Kreishauptmann vorstand. Im Schloß Katzenberg liegt noch heute ein Bündel Akten aus den Jahren 1809 und 1810 mit den Rundschreiben der französischen Militärverwaltung. Diese "Cirkulare" oder "Kurrenden" mußten sonntags nach den Gottesdiensten von Vertretern der Pfarre zum Zeugnis ihrer erfolgten Kundmachung unterschrieben werden. Unter diesen Akten findet sich beispielsweise eine genaue Vorschrift darüber, was die Quartiergeber jedem Soldaten täglich an Verpflegung zu reichen hatten. Für Gurten unterschrieben jedesmal Pfarrer Joseph Grillenberger, Joseph Heinzl, Schullehrer, dann Blasi Gatterbauer vom Gatterbauerngut, Simon Straif, Joseph Gurtner, Gast in Wagnerberg, Thomas Schmiedbauer, Schmiedbauer in Mittermoos, Joseph Steinhögl, Picker in Ranzing, Georg Strobl, Schneiderbauer in Itzenthal. Ferner scheinen Philipp Zagler, Kumpfer in Reiset, Johann Weinberger, Schöpplbauer in Oberndorf und Johann Ertl, Brunnbauer in Dorf, sowie Kaspar Gurtner, Thierbauer in Mittermoos, als "Richter" auf. Diese so oder auch als "Gemeinderichter" bezeichneten Männer waren bäuerliche Vertrauensleute, die meist auch Zechpröpste waren und irgendwie als Vorläufer des Gemeindeausschusses betrachtet werden können. Sie wurden bei Grundstreitigkeiten auch als Zeugen und Schätzmänner herangezogen und dürften vertrauenswürdig und angesehen gewesen sein.
Kreishauptmann Bernberg verwies in einem Rundschreiben sogar auf eine Beschwerdestelle in Linz, wo von Ausschreitungen der einquartierten Soldaten betroffene Bauern und Bürger Ersatzansprüche stellen konnten. Ob sie es in der Praxis wirklich taten, ist bei den unsicheren Zeiten mehr als in Frage zu stellen. In einem anderen Rundschreiben vom 1. Juni 1809 heißt es, dass " . . . das Militär, und andere hiezu gehörigen Personen, welche der Armee nachreisen oder von da zurückkehren, ihre Pferde auf die Wiesen und mit Früchten bebauten Felder bey Straffe nicht treiben dürfen und auch sie sich die unseeligen Folgen zuziehen würden, wenn sie sich beigehen liessen, die auf den Feldern aufkeimenden Früchte und das Gras auf den Wiesen abzumähen. Unter heutigem Tag nach dem vormittägigen Gottesdienst der ganzen Volksmenge der Pfarre Gurten in loco Gurten publiziert, und nachhin in öffentlichen Orten alsogleich affigiert worden, wird hiermit durch die Unterschriften bestättiget."
Gebietsverluste Österreichs in den napoleonischen Kriegen. Die Kriege Napoleons gegen Österreich, dessen Herrscher Franz 1804 die Kaiserwürde angenommen und 1806 auf den Titel des römisch-deutschen Kaisers verzichtet hatte, waren von großen Territorialverlusten begleitet: Belgien, die Lombardei, die Vorlande, Venetien, Tirol, das erst 1805 gewonnene Salzburg, das Innviertel, Kärnten, Istrien, Dalmatien, Kroatien und Westgalizien.
Gurten, 1 . Juni 1809
Grillenberger, Pf., Johann Weinberger, Richter, Joseph Heinzl, Schullehrer, Georg Strobl, Kaspar Gurtner, Lorenz Brüdl
PREISREGELUNG
Ebenso ist eine „Viktualiensatzung", also eine Preisliste für die Lebensmittel Fleisch, Mehl, Bier, Kerzen und Seife, erhalten, die an den „Bäck zu Gurten" gerichtet war. Ihre öffentliche Verlautbarung bestätigten zusätzlich
Thekla Mayrin, Wirthin
Franz Baumann, Mözger (Pächter) Jakob Krügleder, Bäck
Mathias Ringl, Wirth
Jakob Fekörer, Wirth
Wie sehr die Menschen durch die Inflation der „Banco-Zetteln" betrogen wurden, zeigen die Victualiensatzungen vom Jahr 1810. Während die Satzung vom Jänner nur Preise in der herkömmlichen „Conventionsmünze" nennt, wurden bei der Satzung für den Juni bereits eigene Preise für Papiergeld angegeben, die im Durchschnitt dreimal so hoch sind. (1 Gulden = 60 Kreuzer Conventionsmünze Wiener Währung, abgekürzt: 1 fl = 60 x)
Victualiensatzung Jänner Juni
1810 1810
CM CM Banco-Zettel
1 Pfund Rindfleisch 9 x 10 x 2pf 31 x 2pf
1 Pfund Schaffleisch 12 x 11 x 33 x
1 Pfund Schweinefleisch 15 x 15 x 45 x
1 Mass Mundmehl 18 x 14 x 42 x
1 Kreutzer Semmel 1 x 1 x 3 x
1 Mass Braunes Bier 5 x 5 x 15 x
1810 brach, wahrscheinlich verursacht durch die Truppenbewegungen, eine Viehseuche aus, die als Rinderpest, Gallsucht oder Ruhrsucht bekannt wurde. Ihre Ursachen waren Mangel an gutem Futter und an Stallungen, da beides für die Kavallerie gebraucht wurde, sowie ein nasser Sommer und ein ebenso nasser Herbst. Die Seuche wird von der Bezirksverwaltung so beschrieben: "Verlust der Neigung zum Futter, sowie der Kräfte und des Eindruckens oder Wiederkauens. Die meisten Thiere schütteln mit dem Kopf und knirschen mit den Zähnen. Die trüben schleimtriefenden Augen erscheinen nach einigen Tagen. Aus der Nase fließet Rotz, aus dem Maule Geifer und die Zunge ist mit Schmutz überzogen. In dieser Zeit jammern, graussen und stöhnen die Thiere, bekommen Grimmen und Reißen im Gedärme und bald darauf Durchfall mit Zwang, der nicht selten wie grüngelbliches Wasser aussieht, nicht selten blutig und eyterartig wird, und hefftig zu stinken anfanget. Die Thiere sterben geschwinder oder langsamer. Nie ist die Seuche gelinde, immer ist sie äusserst gefährlich, ansteckend und tödlich." Sodann werden pflanzliche Heilmittel angegeben, die jedoch nur in leichten Fällen zum Erfolg geführt haben dürften.
INNVIERTEL WIEDER BEI BAYERN
Im selben Jahr, 1810, wurde das Innviertel samt dem Hausruckkreis als Folge der Niederlage Österreichs wieder zu Bayern geschlagen. Da nützte auch der einsame Sieg des Erzherzogs Karl, bei Aspern 1809 gegen Napoleon errungen, nichts. Doch auch die schweren Jahre der Franzosenzeit gingen vorüber. Durch seinen Rußlandfeldzug wendete sich 1812 für Napoleon das Kriegsglück. Die europäischen Mächte verbündeten sich unter Führung des Kaisers in einer Allianz gegen den Korsen. Auch Bayern scherte als letzter aus dem Bündnis mit Napoleon aus und schloß sich im sogenannten "Rieder Vertrag" der Koalition der Gegner Napoleons an. Am 12. Oktober 1813 wurde zwischen Bayern und Österreich im Hotel und Cafehaus Kriechbaum am Hauptplatz ein Vertrag unterzeichnet, mit dem Bayern an die Seite Österreichs gegen Napoleon trat. Eine Gedenktafel am heutigen Sparkassengebäude Ried-Haag erinnert daran.
Inzwischen war Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig untergegangen. Er wurde von den Siegermächten erst auf die Insel Elba, dann auf St. Helena im Atlantik verbannt. In Wien hielten die europäischen Fürsten einen glanzvollen Kongreß, der die alte Ordnung in Europa wiederherstellte und das Innviertel 1816 wieder nach Österreich zurückholte. Bald hernach brach in den Jahren 1816 und 1817 eine furchtbare Hungersnot aus. Feindliche und eigene Armeen hatten zuviele Lebensmittel aufgezehrt. Vorhandene Bestände wurden teils von Spekulanten gehortet, die für das Getreide einen immer noch höheren Preis erzielen wollten. Durch die Viehseuche bestand auch Mangel an Fleisch. Diese Umstände führten im Verein mit nassen Sommern zu Hungersnot und Teuerung. Die Handwerker entließen ihre Gesellen, die Bauern und Bürger jeden entbehrlichen Dienstboten. Jeder Hausvater versuchte die Zahl seiner Tischgenossen zu verringern. Es wurden Brennesseln gekocht, und aus einer Mischung von Mehl, Kleie und fein geschnittenem Herbstklee Brot gebacken. Der Metzen Weizen kostete 17 Gulden, der zu Normalzeiten 3 Gulden gekostet hatte. Viele Menschen starben an schlechter Nahrung und wohl auch an Kummer. Sicher wären noch Tausende Hungers gestorben, wenn nicht Hirse, bekannt unter dem Namen "Bräun", in großer Menge importiert worden wäre.
Und als am 29. April 1817 noch immer tiefer Schnee auf den Feldern lag, herrschte allerorts Mutlosigkeit und Verzweiflung. Doch der Sommer 1817 brachte herrliches Wetter und eine gute Ernte. 1819 hatten sich deswegen die Getreidepreise wieder stabilisiert.