Besiedlungsgeschichte des Gurtentales
Es ist durchwegs als gesichert anzunehmen, daß unser schönes Gurtental schon Jahrtausende vor Christi Geburt von Menschen besiedelt war. Auskünft darüber können uns nur Funde geben. Obwohl im Gebiet der heutigen Gemeinde Gurten aus ältester Vorzeit keine Funde vorweisbar sind, so werden sie gegen den Inn zu umso häufiger. Denn vom Inn aus hat unser Landstrich sein Leben empfangen. Von diesem einzigen natürlichen Verkehrsweg des großen Flusses hat sich die Besiedlung nach und nach in die Seitentäler vorgearbeitet. Das Innviertel deckt sich ja fast völlig mit dem Flußgebiet der rechtsseitigen Zuflüsse des Inn: Enknach, Altheimer Ache, Gurten, Antiesen und Pram. Der Wald nahm in ältester Zeit als Urwald den meisten Teil des Bodens ein. Er setzte dem Vordringen der Urmenschen von den Flußläufen her zähen Widerstand entgegen. Jeder Quadratmeter Siedlungsfläche mußte ihm in harter Rodungsarbeit abgenommen werden. Die großen Waldrücken des Innviertels wirkten in der Urzeit trennend, der Inn mit seinen Nebenflüssen dagegen verbindend.
Steinzeit
In der ältesten Kulturperiode, der Älteren Steinzeit (vor 2700 v. Chr.), hatten die Menschen noch keine festen Wohnsitze. Sie durchstreiften als Jäger und Sammler Wälder und Flußtäler und erlegten mit primitiven Steinwerkzeugen, wie zum Beispiel Faustkeilen, Höhlenbären, Wollhaarnashörner, Rotwild und Feldhühner. Mit geflochtenen Reusen und scharf gespitzten Hartholzstäben beuteten sie den natürlichen Fischreichtum aus. Ihr Unterschlupf waren natürliche Höhlen oder Wohngruben, die mit einem Windschutz ausgestattet wurden. Auf Bergen, die eine weite Aussicht ermöglichten, finden sich heute noch eigenwillig angeordnete Steinblöcke, die als Opferstätte dienten. Eine solche Stelle befindet sich im Fronwald bei Schardenberg, wo heute die Fatimakapelle steht.
In der Jüngeren Steinzeit (ca. 2700 bis 2200 v. Chr.) ging der Mensch von der Jagd- und Sammelstufe ab und wandte sich einer primitiven Produktionswirtschaft zu. Er wurde seßhaft und betrieb einfachsten Ackerbau und erste Viehhaltung in Gehegen. Primitiver Hausbau mit Holz und Lehm kam auf. Die Herstellung der Steingeräte erfolgte bereits sorgfältiger, vielfach schon mit Steinbohrung. Beile, Pfeilspitzen, Messer und Schaber mehrerer Arten traten auf. Innerhalb der Sippe trat eine Spezialisierung in der Arbeitsweise auf. Die Frauen besorgten die Hauswirtschaft und übten die Töpferei sowie Spinnen und Weben aus. Die ersten Haustiere waren Hund, Rind, Ziege, Schaf und Schwein. Als Kulturpflanzen kannte man bereits Zwergweizen, Gerste, Hirse, Linsen, Erbsen und Pferdebohnen. In der Volksschule St. Georgen bei Obernberg wird eine Lochaxt aus Stein aufbewahrt, die um 1950 in Nonsbach gefunden wurde. In Geinberg wurde um 1900 eine schrägnackige Lochaxt bei der Adaptierung eines Wohnhauses gefunden. Bei Obernberg am Inn (Ortschaft Nonsbach) fand man ein Webstuhlgewicht aus Ton, in Burgstall bei Weng ebenfalls eine Lochaxt. Diese Funde weisen eine jungsteinzeitliche Besiedlung in unserer Heimat nach. Eine Abart dieser Kultur bilden die Pfahlbauten an unseren Salzkammergutseen. Durchaus wahrscheinlich ist es, daß die Menschen am damals vielarmigen Flußbett des Inn ähnlich geschützte Behausungen errichtet haben.
Bronzezeit
Steinbeil, um 1950 in Nonsbach, Gemeinde St. Georgen, gefunden.
Der Faustkeil ist ein zweiseitig bearbeitetes Steingerät und wird daher auch als Zweiseiter (Biface) bezeichnet. Faustkeile haben eine runde Basis, die gegenüberliegende Seite ist spitz zugerichtet.
Unter den Funden aus der Pfahlbauzeit finden sich bereits Geräte, die aus reinem Kupfer bestehen. Dieses spielte aber wegen seiner geringen Härte als Gebrauchsmetall keine große Rolle. Um etwa 2000 v. Chr. setzte sich allmählich eine technische Errungenschaft durch, die eine tiefgreifende Umgestaltung der steinzeitlichen Kultur zur Folge hatte. Man lernte, das Kupfer durch Zusatz von Zinn zu härten. Auf diese Weise erzeugte man in steinernen Schmelzöfen, die mit Holzkohle befeuert wurden, die Bronze (Verhältnis: 9 Teile Kupfer, 1 Teil Zinn). Das Kupfer kam aus den Bergen, z. B. aus Mitterberg bei Hallein, wo es damals auch gediegen vorkam. Das Zinn erwarb man von Händlern, die es aus England (Zinninseln) herbeischafften. Die Hauptfunde aus der Bronzezeit (2000 bis 1100 v. Chr.) stammen aus Linz, aber auch sehr zahlreich aus dem Oberen Innviertel. (Barrenringe und Bronzebarren bei Weng. Im bronzezeitlichen Gräberfeld in Nöfing bei St. Peter am Hart wurden ein Bronzeschwert des Donautypus, sowie bei Höhnhart eine Lappenaxt gefunden. Aber auch Nadeln, Messer, Dolche und Schmuckstücke wurden aus Bronze hergestellt.) Zu den Haustieren kam das Pferd, zu den Kulturpflanzen der Hafer hinzu.
Bronzezeitlicher Schmelzofen: Lediglich Lehm und Magerungsmittel wurden für den Aufbau des Schmelzofens und der Tiegel benötigt.
Eisenzeit
Um 1100 bis 500 v. Chr. trat das Eisen als neues Metall auf. Es war anfangs so kostbar, daß es nur zur Erzeugung von Schmuck und kleineren Gebrauchsgegenständen verwendet wurde. Doch langsam besserten sich Abbau und Gewinnmethode des schwer zu bearbeitenden Eisens, sodaß es - wegen seiner Härte bevorzugt - zum wichtigsten Nutzmetall werden konnte, während der Bronze nun die Rolle des Schmuckmetalles zukam. Der bedeutendste Fundort dieser Älteren Eisenzeit ist Hallstatt in Oberösterreich, wo Salzbergbau und Handel die Ansiedlung begründeten und das dieser Kulturepoche seinen Namen gab (Hallstattkultur). Daneben hat aber auch das Obere Innviertel mit seinen zahlreichen Hügelgräbern ganz hervorragende Fundstätten. Die goldene Halszier aus Uttendorf, die im 19. Jahrhundert gefunden wurde und der Halsschmuck einer hochgestellten Persönlichkeit gewesen sein muß, ist ein einzigartiges Unikum. Ein Bild dieser Halszier schmückte das Plakat der oberösterreichischen Landesausstellung 1978 in Steyr, die sich mit der Hallstattkultur befaßte. Bewundernswert ist die Reichhaltigkeit der Fundobjekte, die technische Hochwertigkeit und deren vollendete Formenschönheit. Die Träger der Hallstattkultur waren die Illyrer, ein Volk, das in Südosteuropa beheimatet war. Die Bezeichnung "Hall" für Salzorte (Hallstatt, Hallein, Bad Hall, Hall in Tirol) geht auf sie zurück. Und auch der Ortsname Gurten könnte illyrischen Ursprunges sein, wie wir später noch sehen werden.
In der Jüngeren Eisenzeit (ab 500 v. Chr.) wanderten die Kelten, ein indogermanisches Volk, von Westen her in ganz Mitteleuropa ein. Sie waren mit den Germanen verwandt und werden als Menschen von großem Wuchs und blonden Haaren beschrieben. Sie unterjochten die illyrische Bevölkerung, die ihnen in der Waffentechnik unterlegen war. Als Hauptwaffe hatten die Kelten das Schwert in kurzer und in langer Form. Anders als die Bronze, die gegossen wurde, verarbeitete man das Eisen durch Schmieden. Diese Technik beherrschten die Kelten bereits in hohem Maß. Eine große Neuerung brachte die Erfindung der Töpferscheibe. Sie ermöglichte bereits gewerbsmäßige Erzeugung von Keramiken, wie man aus den eingedrückten Töpferstempeln im Boden der Gefäße sieht. Die Träger der La-line-Kultur (benannt nach einem westschweizerischen Fundort) sind also die Kelten. Diese Zeitepoche hat enge Zusammenhänge mit der Hallstattkultur, ist aber stark von griechisch-italisch-etruskischen Einflüssen geprägt. Sie kannte bereits die Münzprägung in Gold, Silber und unedlen Metallen nach dem Vorbild griechischer Münzen. Bedeutende Funde aus der La-line-Kultur kennen wir aus Sunzing bei Mining: Eine Schnabelkanne und zwei Bronzeteller mit schönen Verzierungen, weiters in Frauenstein bei Mining Fuß- und Armringe, Armreifen aus Bronzedraht und Fibeln. Fibeln waren eine Art Vorläufer von Spangen oder Sicherheitsnadeln, die man zum Zusammenhalten umhangartiger Kleider verwendete.
Die Nennung der Kelten und deren Lokalisierung fällt mit der eisenzeitlichen Späthallstattkultur in Mitteleuropa zusammen. Diese Kultur hatte sich seit etwa 800/750 v. Chr. in einer Region zwischen Ostfrankreich und Österreich (mit seinen angrenzenden Ländern) aus den ansässigen spätbronzezeitlichen Urnenfelderkulturen entwickelt.
Jahrtausende vor der Zeit der heutigen Hochöfen wurde schon Eisen aus Erzen in sogenannten Rennöfen gewonnen. Ein Rennofen ist ein Schmelzofen, in dem Eisenerze verhüttet wurden. Aus Lehm und Steinen gemauert, mit einem oben offenen Hohlkörper und einer Fußöffnung in Windrichtung. Auf die Holzkohle wurde das Erz geschichtet und durch den Kamineffekt konnten Temperaturen bis 1.300° C erzielt werden.
Schätzungen zufolge benötigte man damals zur Herstellung von einem Kilogramm Eisen insgesamt rund 30 Kilogramm Holzkohle. Im Falle der Kelten die das sogenannte "Norische Eisen" herstellten, das zwar einen ungleichmäßigen Kohlenstoffgehalt besaß, aber zuletzt stahlähnliche Güte erreichte.
Der Begriff Kelten geht auf griechische Überlieferungen bei Herodot und anderen Autoren aus dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. zurück, die als Keltoi bezeichnete Stämme mit einem Verbreitungsgebiet von den Quellen der Donau bis zum im Hinterland von Massilia (Marseille) identifizierten.