Gurten im 19. Jahrhundert
Entstehung der politischen Gemeinde
Viele Aufgaben warteten auf die Tätigkeit der Gemeinde. 1876 war das Schulhaus umzubauen, 1892 die Müllerbrücke in Gurten neu zu bauen. Die vorher steinerne Brücke wurde mit eisernen Trägern und Steinplatten versehen. Bescheidene Kanalisierungen von Straßenstellen, die regelmäßig überflutet wurden, konnten schon damals durchgeführt werden. Eine kuriose Begebenheit meldete die alte Gemeindechronik: "1903 wurde nach einer Beschwerde des Postmeisters Felix Desinger das beim Postamt quer über die Straße dem Bach zufließende Wasser in einen Kanal geleitet. Zu Regenszeiten und bei Schneeschmelze wäre die Straße beim neuen Postamt unpassierbar gewesen, hätte nicht Pfarrer Hirnschrodt aus Eigenem neben der Straße einen Steg anbringen lassen. Dieser Steg war aber zur Nachtzeit nicht ungefährlich" (wahrscheinlich für Gasthausheim kehrer!). "Diese Kanalisierung", heißt es in der Chronik, "verursachte bei manchen Kopfschütteln, sogar Opposition machte sich dagegen geltend mit der Begründung, daß der Kanal das Wasser nicht fassen könne. Aber siehe da! Als bei der nächsten Schneeschmelze das Wasser den Kanal kaum zur Hälfte füllte und die gefürchtete Überschwemmung nicht eintrat, ging der anfängliche Tadel in Lob über." Friedrich Mayrleitner, Hinterbauer sen., erinnert sich jedoch, daß diese Kanalisierung in seiner Schulzeit zwischen 1914 und 1920 vom daherschießenden Oberwasser heftiger Platzregen mehrmals aus dem Boden gespült wurde. Im gleichen Jahr waren Kanäle an der Straßenbiegung in Baumgarten und in Dorf beim Jungerbauer zur Ableitung des Feldwassers geschaffen. 1906 wurde an der Mittermooser Straße das Wasser aus den Feldern durch Zementrohre abgeleitet.
Durch sogenannte Hofzerstückelungen begann sich auch das Ortsbild zu ändern. Ihre Ursache war meist eine hohe Verschuldung und diese wiederum eine indirekte Folge der Bauernbefreiung von 1848. Vor dieser konnte ja kein Bauer seinen Hof ohne Erlaubnis des Grundherren mit Schulden belasten oder gar verkaufen. Nun stand der Bauer plötzlich im rauhen Wind einer liberalen Wirtschaftsordnung mit allen ihren Vorteilen, aber auch Risiken. Zusätzlich garantierte das Staatsgrundgesetz 1867 jedem Bürger die Freizügigkeit, die es ihm ermöglichte, auch Haus und Hof zu verkaufen und sich an einem anderen Ort niederzulassen. Manche Grundstücksmakler befaßten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus berufsmäßig mit dem Aufkauf und der Zerstückelung von Bauerngütern. Die Gemeinde sah diese Entwicklung mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Einerseits entstand mehr Streubesitz, andererseits wuchs der Ort durch Neubauten.
1876 verkaufte Johann Hager das einst so ansehnliche Gastgut zu Wagnerberg an ein Konsortium. Der größte Teil des Grundes wurde parzelliert, und vom stattlichen Hof blieb nur mehr eine Sölde übrig. Als Neubauten entstanden die Häuser Wagnerberg 13, 14, 15, 16, 17. (Siehe Häuserchronik unter Wagnerberg.) Im Jänner 1906 verkaufte Johann Mayr, Edt 5, sein ca. 80 Joch umfassendes Schrotshammergut. Auf abgetrennten Gründen entstanden die Neubauten Edt 17 und 18. Im März 1907 verkaufte Matthias Simetsberger, Gaderbauer in Gurten 10, sein 49 Joch umfassendes Gut an einen Makler. Dieser verkaufte die Grundparzellen an verschiedene Interessenten. So wurde Raum für die Häuser Gurten 31, 32, 33, 34 gewonnen.
Bei den Zerstückelungen des "Bauerngutes zu Schmalzberg" Nr. 2 sowie des Brunnbauerngutes in Dorf Nr. 3 im Jahre 1912 wurden die Gründe von den Nachbarn angekauft.
Es war aber bei weitem nicht immer die Verschuldung, sondern in manchen Fällen der hohe zu erzielende Kaufpreis und die Wertbeständigkeit der österreichischen Krone vor dem 1. Weltkrieg, der manchen Besitzer an Verkauf denken ließ.
1848 war, von Frankreich ausgehend, in fast allen mitteleuropäischen Ländern eine revolutionäre Bewegung ausgelöst worden. Anders als in Frankreich wurde in Österreich nicht die Abschaffung der Monarchie gefordert, sondern von den Bürgern ein Mitspracherecht in der Politik, von den Arbeitern eine soziale Besserstellung und von den Bauern die Befreiung aus der Grundherrschaft und den damit verbundenen Abgaben verlangt. Weitere wichtige Forderungen waren die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Heute für uns selbstverständlich, gab es das alles im Österreich vor 1848 nicht, denn Staatskanzler Fürst Metternich hatte unter Franz I. und Ferdinand I. in Österreich einen Polizeistaat eingerichtet, von dem man sagte, "es sei in ihm alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt worden war."
Angesichts der blutigen Märzrevolution mußte Metternich fliehen und der Kaiser Zugeständnisse machen. Er hob die Pressezensur (behördliche Prüfung aller erscheinenden Druckschriften) auf und gewährte eine Verfassung, "Constitution" nannte man das damals, nach der das Land regiert werden sollte und an die auch der Kaiser gebunden war. Ein frei gewählter Reichstag konnte bereits am 22. Juli eröffnet werden und schon am 8. August 1948 stellte der Abgeordnete Hans Kudlich, ein 25jähriger Bauernsohn aus Löbenstein in Österreich-Schlesien, den Antrag: "Die hohe Reichsversammlung möge erklären: Von nun an ist das Untertänigkeitsverhältnis samt allen daraus entsprungenen Rechten und Pflichten aufgehoben, vorbehaltlich der Bestimmungen ob und wie eine Entschädigung zu leisten sei."
Bei diesem Antrag wurde Kudlich auch von den Innviertler Abgeordneten Kaspar Wiesbauer, Oberbauer in Hub 1, Pfarre St. Georgen b. 0., und Georg Lindinger, Großreinthaler in Zahra 9, Pfarre Taiskirchen, kräftig unterstützt. Man darf sich nun die Grunduntertänigkeit nicht als eine Art "Sklaverei" vorstellen, sondern sie war ja aus der Schutzfunktion der Ritter und Vögte über die Bauern hervorgegangen und war eben die Verwaltungs- und Steuereinnahmestruktur der Feudalzeit. Die Aufhebung der Grunduntertänigkeit, des Zehents und der Robotleistung und alle sonstigen grundherrlichen Abgaben wurden nun Gesetz. Von 1840 bis 1853 amtierten in ganz Österreich die Grundentlastungskommissionen. Ein Drittel des Grundwertes mußte der Bauer als Ablöse entrichten, das zweite Drittel zahlte der Staat und auf das dritte Drittel mußte der Grundherr verzichten. Da nun plötzlich die bei den Grundherrschaften und Vogteien bestehenden "Districtscommissariate" und Pfleggerichte als Verwaltungs-, Gerichts- und Steuerstelle wegfielen, mußten neue Strukturen an deren Stelle treten, die jetzt einheitlich vom Staat eingesetzt wurden.
Klemens Wenzel Fürst von Metternich, im Jahr 1809 wurde er Außenminister. Seit 1813 stieg er zu einem der führenden Staatsmänner in Europa auf und spielte vor allem auf dem Wiener Kongress eine führende Rolle bei der politischen und territorialen Neuordnung Europas im Sinne eines Gleichgewichts der Mächte. Als politischer Ausgestalter der Heiligen Allianz stand Metternich als führender Politiker der Restaurationszeit für das monarchische Prinzip und bekämpfte die nationalen und liberalen Bewegungen.
So wurden 1848 die Länder in politische Verwaltungsbezirke eingeteilt, die sich wieder in Gerichtsbezirke unterteilten. Gurten kam zum Verwaltungsbereich des Bezirksamtes Ried und zum Sprengel des Bezirksgerichtes Obernberg. Sinn der neuen Verwaltungsreform war eine Trennung zwischen politischer Verwaltung, Finanzwesen und Gerichtsbarkeit. 1849 schlug die Geburtsstunde der politischen Gemeinde, deren Gebiet sich meist mit den Pfarrgrenzen deckte. Da Wippenham im Gegensatz zu Kirchheim noch bei der Pfarre Gurten war, kam es auch zur politischen Gemeinde Gurten. Der Grundgedanke zum Gemeindegesetz 1849 lautete: "Die freie Gemeinde ist die Grundfeste eines freien Staates."
Doch wuchsen auch schon in der Zeit der noch bestehenden grundherrlichen Verwaltung Vorläufer staatlicher Verwaltungseinrichtungen heran. 1779/80 wurde nach dem Anschluß des Innviertels an Österreich eine Volkszählung gehalten und dabei die Häuser ortschaftenweise numeriert. Diese Abschnitte waren die sogenannten "Konskriptionsgemeinden", um einen Überblick bei Rekrutenaushebungen zu bekommen. Die "Konskriptionsnummern" gelten als Hausnummern bei alten Häusern bis zum heutigen Tag. Aus den Konskriptionsgemeinden entwickelten sich durch die Aufnahme des "Josephinischen Lagebuches 1786 bis 1788" die Steuergemeinden. Auf diese konnte man 1825 bis 1829 bei der Erstellung des Franziszeischen Grundkatasters zurückgreifen und sie zur Grundlage der bis heute bestehenden Katastralgemeinden machen.
Die Gerichtsbarkeit wurde nun von den Bezirksgerichten ausgeübt, denen Kreisgerichte übergeordnet waren. Die grundherrschaftlichen Urbarien (Grund-, Wirtschafts- und Steuerbücher) wurden abgeschlossen und wanderten in die Archive. Auf ihrer Basis wurde das neue, heute noch bestehende Grundbuch bei den Bezirksgerichten eingerichtet. Die Grenzen der neuen Verwaltungseinheiten, politische Bezirke und Gemeinden, wurden erstmals kartographisch fixiert.
1864 wurde die neue Gemeindeordnung auch vom Kaiser sanktioniert, womit die politische Ortsgemeinde als erste Verwaltungsinstanz eingerichtet wurde und autonomen (selbständigen) Status bekam. Die vorgesetzte Behörde war der Landesausschuß, heute Landesregierung.
Erster Bürgermeister von Gurten war Martin Schachinger, Thierbauer in Mittermoos 7. Er wurde nicht gewählt, sondern "eingesetzt" und wurde daher auch "geschworener" Bürgermeister, oder wie es damals hieß, Gemeindevorstand bezeichnet.
Das erste Gemeindehaus von Gurten (abgetragen).
Nun war die junge Ortsgemeinde aus der Taufe gehoben, doch hatte sie noch kein Haus, in dem die Gemeindeangelegenheiten abgewickelt werden konnten. In der Gemeindechronik findet sich lediglich eine Notiz, daß die Gemeindekanzlei in mehreren Häusern der Hofmark kurzfristig untergebracht war. Erst 1895 bis 1898 entschloß sich der Gemeindeausschuß zur Errichtung eines Gemeindehauses. Der neben dem Schulhaus sich befindliche "Organistenstall" wurde aufgestockt, die gegen die Metzgerei Burgstaller hin stehende Scheune abgetragen und ein Neubau aufgeführt, welcher den "Organistenstall" faktisch umschloß. Die neue Holzhütte für Schule und Gemeinde wurde so groß angelegt, daß der Organist auch das Futter für seine Tiere unterbringen konnte. Für den Gemeindesekretär war im ersten Stock eine Wohnung vorgesehen. In diesem Haus Gurten 28, das seit den frühen achtziger Jahren unseres Jahrhunderts nicht mehr besteht, befand sich das Gemeindeamt von 1898 bis 1957.
Gemeindeteilung 1882/83
Die Katastralgemeinde Wippenham hatte seit jeher durch ihre Kirche und ihre Schule ein natürliches Zentrum. Sie strebte daher bald nach der Entstehung der politischen Gemeinde Gurten ihre Selbständigkeit an, die vom Landesausschuß 1883 genehmigt wurde.

Im Bericht des Landesausschusses vom 21. 9. 1882 heißt es (siehe rechts):
Von Seite der Gemeindevertretung Gurten sowohl als auch von den Steuerträgern der Steuergemeinde Wippenham wird die Abtrennung der genannten Steuergemeinde von der Ortsgemeinde Gurten und Constituirung derselben als stelbständige Ortsgemeinde angestrebt.
Vor allem wird auf die Feindseligkeiten hingewiesen, welche schon mehr denn 100 Jahren zwischen Gurten und Wippenham bestehen und welche selbst durch die Gründung einer eigenen Pfarrerpositur in Wippenham sein Ende fanden. Es finde sich fortwährend ein neuer Zankapfel und die Feindseligkeiten, Reibereien und Nergeleien zwischen Gurten und Wippenham würden erst dann aufhören, wenn die Steuergemeinde Wippenham zu einer selbständigen Ortsgemeinde erhoben würde.
Weiters wird geltend gemacht, daß beide zu creirenden Gemeinden die Mittel desäßen, um den ihnen im selbständigen und im übertragenen Wirkungskreise obliegenden Pflichten vollkommen entsprechen zu können.
Beilage Nr. 36 zum stenographischen Landtags-Sitzungs-Protokolle 1882.
Wippenham ist seit 1883 eine eigenständige Gemeinde.
Bericht des Gemeinde- und Verfassungsausschusses
über den Bericht des Landesausschusses in Betreff der Auseinandertheilung der
Gemeinde Gurten in zwei selbständige Ortsgemeinden,
Gurten und Wippenham.
Indem sich der Gemeinde- und Verfassungsausschuß auf den dem hohen Landtage vorliegenden ausführlichen Bericht des Landesausschusses über den hier in Frage kommenden Gegenstand bezieht, welchem er nichts beizufügen Anlaß findet, stellt er gleich dem Landesausschusse den Antrag:
Der hohe Landtag wolle den nachstehenden Gesezentwurf genemigen und es sei für denselben die Allerhöchste Sanction einzuholen.
Ueber Antrag des Landtages Meines Erzherzogthums Oesterreich ob der Enns finde Ich anzuordnen, wie folgt:
Die auf Grund des Gesetzes vom 17. März 1849 (R. G. Bl. vom Jahre 1849, Nr. 170) gebildete Ortsgemeinde Gurten, bestehend aus den Steuergemeinden: Gurten, Dorf und Wippenham, wird in zwei selbständige Ortsgemeiden auseinander geteilt, so daß die Steuergemeinden Gurten und Dorf die Gemeinde Gurten und die Steuergemeinde Wippenham die Ortsgemeinde Wippenham zu bilden haben.
Sobald dieses Gesetz in Wirksamkeit getreten ist, ist in den neuen Gemeinden sogleich die Wahl der Gemeindevertretungen vorzunehmen.
Durchführung dieses Gesetzes beautragt.
. . . . am . . . . . .
Gesetz
vom . . . . . . . . .
wirksam für das Erzherzogthum Oesterreich ob der Enns in Betreff der Auseinandertheilung der Ortsgemeinde Gurten in die selbständigen Ortsgemeinden Gurten und Wippenham.
Linz am 2. October 1882.
Dr. Groß
Obmann.
Auenburg,
Berichterstatter