Ein Dorf verändert sein Gesicht - Gurten 1950 - 2000
Ohne Übertreibung kann heute Gurten für sich beanspruchen, als Modell einer Gemeinde zu gelten, die in den letzten 60 Jahren den augenfälligen Strukturwandel im ländlichen Raum vorbildlich bewältigen konnte. Auf eine grob vereinfachte Formel gebracht, bedeutet dies, daß den aus der Landwirtschaft abwandernden Arbeitskräften und den nachrückenden Jahrgängen gewissermaßen in der eigenen Gemeinde genügend Arbeitsplätze angeboten werden konnten, womit auch ein Wegzug aus der Gemeinde weitgehend verhindert wurde. Solche Entwicklungen werden besonders in Grenzregionen, wie das Innviertel eine ist, oft beobachtet.
Der älteste Industriebetrieb Gurtens ist das aus einer Bau- und Zimmermeisterei und einem Sägewerk hervorgegangene Betonwerk der Gebrüder Romberger. 1960 begann es, Fertigteile und Ziegel industriell herzustellen. In den ersten Nachkriegsjahren produzierte die Fa. Gottweis chemische Produkte, vor allem für die Landwirtschaft, in einer Baracke. Diese Notunterkunft erwarb der Tischlermeister Erich Deisenhammer und baute daraus eine Möbelfabrik auf, die ein variables Wohnmöbelprogramm hochwertiger Qualität herstellte. Sie konnte sich aber am eher rauhen Möbelmarkt nicht halten. Heute arbeitet die Tischlerei Bader in der ehemaligen Fertigungshalle.
1955 entschloß sich die Gemeindevertretung, das eben fertiggestellte Gebäude, Gurten 50, den sogenannten "Wirtschaftshof" wieder zu verkaufen. Er hätte eigentlich ein Gemeindehaus mit Kanzleien, Wohnungen und Feuerwehrdepot werden sollen. Josef Frauscher kaufte ihn und richtete eine Landmaschinenwerkstätte ein, aus der auch das Maschinenbauunternehmen Frauscher herauswuchs, dessen Produkte unter der Marke "Mammut" bekannt sind. Der Kunststeinerzeuger Hans Zechmeister baute in der Ortschaft Edt-Schoppering einen leistungsfähigen Steinbau- und Steinmetzbetrieb auf. Die alten Gasthäuser, Bauböck in Gurten und Rothmaier in Freiling, expandierten und stellten auf Restaurantbetriebe um, da über die Innbrücke Obernberg zahlreiche deutsche Tagesgäste auch nach Gurten kamen.
Bürgermeister Johann Burgstaller bewies bei seinen Bemühungen, für Gurten neue Betriebe zu gewinnen, eine glückliche Hand und viel Fingerspitzengefühl. Mitte der sechziger Jahre knüpfte er den Kontakt zu dem jungen Maschinenbau-Werkmeister Josef Fill, der aus bescheidenen Anfängen in der Schlosserwerkstätte Niklas einen heute bereits in vielen Ländern bekannten Maschinenbaubetrieb für aufwendigste Spezialmaschinenanfertigung aufbaute.
Die Neugestaltung des Ortskernes
In den letzten dreißig Jahren haben sich nahezu alle Gemeinden unserer Heimat um die Verschönerung und Ausgestaltung ihres Ortsbildes bemüht und dabei beachtenswerte Erfolge erzielt. Straßen wurden verbreitert, mit Gehsteigen versehen und staubfrei gemacht, Kanäle gegraben, Leitungen verkabelt und nicht zuletzt Erholungsräume durch Blumen- und Parkanlagen geschaffen. Aber selten war die Umgestaltung in anderen Orten so tiefgreifend wie in Gurten, so daß Besucher, die unseren Ort in früherer Zeit kannten, immer wieder erstaunt feststellen: Wenn es nicht einige optische Fixpunkte - wie Kirche, Bauböckhaus und Pfarrhof - im Ortsbild gäbe, wäre Gurten im Vergleich zu früher nicht mehr zu erkennen. Als Johann Burgstaller 1955 das Bürgermeisteramt antrat, war von Ortsverschönerung noch nicht viel die Rede. Vielmehr war es seine erste große Aufgabe, dem Gemeindeamt und der Raiffeisenkasse, deren Obmann er auch war, eine zweckmäßige und auch repräsentative Heimstatt zu geben. So konnte unter seiner Leitung von 1955 bis 1957 das heutige Kassengebäude errichtet werden, in dem damals im Parterre die Amtsräume der Gemeinde und der Sitzungssaal, im ersten Stock die Kassenräume und im Keller eine große Gemeinschaftstiefkühlanlage untergebracht waren. Doch glaubte bei der Eröffnung dieses Amtsgebäudes 1957 sicher niemand, daß die Gemeinde hier nur neun Jahre untergebracht sein würde.
Das frühere "Krämerhaus" und Bauböcks Gastgarten direkt an der Friedhofmauer.
Aber auch die Gewerbebetriebe modernisierten und konnten manche Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich ging es aber hier darum, jene Arbeitsstätten anzuführen, die durch die Vielzahl ihrer Arbeitsplätze Gurten den Charakter eines Industriedorfes gegeben haben.
Motorisierung und Mechanisierung
Versetzen wir uns in die Jahre nach 1955 im Geiste zurück. Österreich hatte nach zehnjähriger Besetzung seine Freiheit wiedererlangt und den langersehnten Staatsvertrag den Siegermächten abringen können. Mit neuer Zuversicht setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der von einer Motorisierungs- und Mechanisierungswelle in der Landwirtschaft und gleichzeitig von einem rapiden Anstieg des Individualverkehrs begleitet war. Beide Entwicklungen erforderten aber breitere und bessere Straßen, deren Ausbau sich aber die alten, in Jahrhunderten gewachsenen Ortskerne vielfach wie "Nadelöhre" entgegenstellten. Binnen weniger Jahre waren die Pferde aus den Bauernhäusern ausgezogen und hatten Traktoren Platz gemacht. Laufend mehrte sich die Zahl der Haushalte, in denen ein Privatauto zur Verfügung stand. Hausbewohner direkt an der Straße litten natürlich unter den Staubwolken, die von den stets zahlreicher werdenden Autos immer häufiger aufgewirbelt wurden. So bemühten sich Gurtens Gemeindeväter unter Führung von Bürgermeister Burgstaller bei Landesregierung und Landesbaudirektion um Mittel zur Durchführung einer Verbreiterung und Asphaltierung der Ortsdurchfahrt von Gurten.
1957 Eröffnung des neuen Amtsgebäudes für Gemeindeamt und Raiffeisenkasse.
Der Ort war früher ein typisches Straßendorf. Seine Häuser, darunter mehrere Höfe, schienen locker an der sich durchschlängelnden Wippenhamer Bezirksstraße aufgefädelt zu sein, noch unbebaute Grundstücke lagen dazwischen. Die Straße selbst war nur halb so breit. Zudem nahmen in diesen Jahren auch schon die Pläne für eine Straßenbrücke über den Inn bei Obernberg greifbare Formen an. Für die Straße Mehrnbach - Gurten - St. Georgen war eine bedeutende Aufwertung und Frequenzerhöhung zu gewärtigen.
Palmsonntag 1950 bei der alten Kirchenstiege.
Hebung der Infrastuktur
In Gurten traten einer Verbreiterung der Ortsdurchfahrt der Gastgarten bei Ebetshuber, der Gastgarten bei Bauböck (an der Friedhofböschung gelegen), Friedhofböschung und Kirchenaufgang sowie Schul- und Gemeindehausgarten entgegen. 1957 war Pfarrer Richard Bohuslav nach Gurten gekommen, der das ganze Vorhaben, soweit es Kirche, Friedhof und Pfarrpfründe betraf, von Anfang an mittrug und unterstützte. Doch sollte ja die Neugestaltung des Ortskernes keine bloß äußerliche Verschönerung bleiben, sondern auch die Infrastruktur verbessern. Daher galten die ersten Arbeiten einem neuen Kanalnetz mit zwei Kläranlagen im Bereich Gurten und Edt. Auch die Post nützte die umfangreichen Erdarbeiten, um die Telefonleitungen zu verkabeln, was wiederum die Grundlage für die Automatisierung und den Ausbau des Ortsnetzes im Jahre 1964 bildete. Weiters brachte man die Kabel für die Straßenbeleuchtung unter. Nach den Plänen und unter der Gesamtleitung von Oberbaurat, heute Hofrat Dipl.Ing. Willibald Böhm, der damals in der Landesbaudirektion den Straßenbezirk Innviertel leitete, wurde die Straße durch Gurten völlig neu trassiert und mit Gehsteigen ausgestattet. Die Vorgärten wurden, wenn erforderlich, gestutzt und vielfach mit Granit-Steinmauern neu eingefriedet. Im Bereich des Friedhofes mußten Gräber exhumiert und umgebettet werden. Der Hauptaufgang zur Kirche wurde versetzt und breiter angelegt, der zweite Aufgang für den Zugang vom zukünftigen Parkplatz her vorgesehen.
Friedhofmauer und Bauböck-Gastgarten verschwanden.
Der alte Aufgang zur Kirche.
Ortsplatz
Eine neue Situation trat für die Gemeinde ein, als die vormalige Besitzerin des Grasl-Hofes, Gurten Nr. 6, Maria Brandstötter, unerwartet starb. Da sich nun der neue Besitzer Paul Schmee ein Bauernhaus außerhalb des Ortes in Richtung Wagnerberg erbaute, wurde der Graslhof verkäuflich. Die Gemeindeväter nützten diese einmalige Chance und erwarben 1959 den Hof in der Ortsmitte, der dann 1961/62 abgetragen werden konnte. Eine Wohnpartei, die im Hof das Wohnrecht hatte, nahm die Gemeinde mit deren Zustimmung im alten Gemeindehaus, Gurten 28, auf.
Durch Planierung und Absenkung des Niveaus gewann die Gemeinde ein Areal im Ausmaß von ungefähr einem Joch, das sich zur Schaffung eines zentralen Ortsplatzes, der Gurten immer gefehlt hatte, in idealer Weise anbot. Ein Teil der Fläche wurde der Pfarrkirche für den Grundverlust zur Straßenverbreiterung im Tauschwege zurückgegeben, worauf dann die Aufbahrungshalle samt deren Vorplatz erbaut werden konnte.
Böschungen werden durch Granitsteinmauern eingefriedet.
Ortsdurchfahrt erneuert
1963 wurden bei der feierlichen Segnung und Übergabe der erneuerten Ortsdurchfahrt der spätere Landeshauptmann Dr. Erwin Wenzl und der Planer, der spätere Hofrat Dipl.-Ing. Böhm, zu Ehrenbürgern von Gurten ernannt. Dr. Wenzl stellte als Straßenreferent der oö. Landesregierung die Geldmittel bereit, Böhm tat in Planung und Ausführung für Gurten mehr als es seine Pflicht gewesen wäre. Das neue Gesicht Gurtens zu gestalten, war ihm eine reizvolle Aufgabe, die er mit persönlichem Engagement löste, wie etwa beim Entwurf der schmiedeeisernen Gitter für die Friedhofmauern.
1962 war jener denkwürdige, aber auch berüchtigte, verregnete Kirtag, an dem manche Damen mit ihren damals modernen Bleistiftabsatzschuhen buchstäblich im Straßenkot steckenblieben. Solche Straßenverhältnisse gab es aber nur kurze Zeit, da 1962/63 die gesamte Ortsdurchfahrt staubfrei gemacht wurde. Im Bereich der Friedhofböschungen, der ehemaligen "Graslleiten" und zwischen Schule und Metzgerei Burgstaller ergaben sich Flächen, die mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, als gepflegte Parkanlagen das Ortsbild zieren.
Freidhoferweiterung und Leichenhalle
Aber auch Pfarrer Bohuslav und der Pfarrkirchenrat faßten manches Problem von der Wurzel her an. Da das Dachwasser der Kirche einfach in den Friedhof ausfloß, war die unmittelbare Umgebung der Kirche sehr feucht. 1964 wurde daher der Friedhof kanalisiert. Durch die Ausleitung des Dachwassers konnte man den Kirchenkomplex von der in den Mauern aufsteigenden Feuchtigkeit weitgehend befreien. Dann erst schritt man an die Pflasterung der Friedhofwege, wozu das Land Oberösterreich im Rahmen einer Steinaktion die Granitwürfel beisteuerte. Der Friedhof war auch längst zu klein geworden. Der Pfarrkirchenrat beschloß daher, ihn durch Einbeziehung eines Kirchengrundstückes zu vergrößern und durch die Errichtung einer Epitaphienmauer und den Bau einer Leichenhalle mit Vorplatz einzufrieden. Die Leichenhalle ziert ein Sgraffito von Prof. Wilhelm Traeger, das die Überwindung des Todes durch den Auferstandenen zum Thema hat.
Die neue Leichenhalle mit dem Sgraffito von Prof. Wilhelm Traeger.
Neues Gemeindeamt
1966 fand die Neugestaltung des Ortsplatzes mit dem Bezug des heutigen neuerrichteten Gemeindeamtshauses ihren eigentlichen Abschluß. Es war in etwa zweijähriger Bauzeit in L-Form, das Westende des Ortsplatzes umgreifend, erbaut worden. Es enthielt neben den Amtsräumen auch Lokalitäten für Gemeindearzt, Mutterberatung und Feuerwehr, sowie Wohnungen für die Bediensteten und einen Landwirtschaftlichen Beratungsraum. Nachdem auch der Vorplatz mit Granit gepflastert und mit einer Blumeninsel versehen war, zeigte sich erst, welch harmonisches Ortszentrum hier zwischen Kirche, Friedhof und Gemeindeamt entstanden war. Auch die neugewonnenen Parkflächen wurden dringend benötigt und sind heute mehr als ausgelastet. Aber auch für kirchliche und weltliche Feste dient der zentrale Ortsplatz in ganz hervorragender Weise. Begräbnisse, Palmsonntag und Fronleichnam lassen sich hier zentral und doch abseits vom Durchzugsverkehr reibungslos abwickeln, darüber hinaus große profane Festlichkeiten, wie Musik-, Feuerwehr- oder KOV-Feste. Um 1970 wurden in der Ortschaft Edt die Straßen bis zum Bahnhof staubfrei gemacht. Gleichzeitig bemühten sich die Hausbesitzer um die Neuanlage der Vorgärten und um reichen Fensterblumen-schmuck, sodaß Gurten sozusagen als "Krönung" der Ortsverschönerung zweimal den begehrten Titel eines "Schönsten Dorfes von Oberösterreich" erringen konnte. 1966 zusammen mit St. Oswald bei Freistadt und 1968 allein. Im Gemeindeamt erinnern zwei bronzene Tafeln an diese ehrenvollen "Siege". Solche Leistungen waren nur im Zusammenwirken von Gemeinde, Pfarre und Hausbesitzern zu erreichen. 1968 war z. B. das "Moarstöckl" beim Pfarrhof bereits durch eine schmucke Verbindungsmauer zum Stallgebäude ersetzt, und aus dem Stallgebäude ein Pfarrheim geworden. Diese Verschönerungen am Ortseingang waren dann für die Zuerkennung des "Schönsten Dorfes" ausschlaggebend.
Das heutige Gemeindeamt wurde 1966 eröffnet und schließt den neugeschaffenen Ortsplatz durch seine L-Form harmonisch ab.
Arbeiten am Schulaufgang, links hinten der frühere "Graslhof"